Donnerstag, 12. März 2015

Horizontale Jena - nicht immer horizontal.

 Update
 Dieser Beitrag war verschwunden. Der Bericht war automatisch von veröffentlicht auf "Entwurf" gesetzt worden. Woran es liegt ist unklar. Daher nun dieser Bericht aus 2017 im Jahr  2015 noch einmal neu gepostet. Horizontale unter 17 Stunden.... das ginge heute dann nicht mehr...


Die Horizontale ist eine Langstreckenwanderung über 100 km, die jährlich in Jena stattfindet. Im Gegensatz zu anderen Wanderveranstaltungen, bei denen Herren von 50 Jahren aufwärts das Hauptteilnehmerfeld bilden, ist hier das Publikum recht jung. Als Student oder Studentin in Jena gehört es zum guten Ton da mal mitzumachen. Die Sportstudenten bekommen sogar Punkte für ihr Studium angerechnet.


Ich hatte im Internet schon einige Berichte über die Veranstaltung gelesen und dabei nur Positives erfahren. Also musste ich in diesem Jahr mal da hin. Aus dem Internetforum laufen-aktuell.de fanden sich noch zwei Mitstreiter: Kurt „Trampler“ aus München und „GastRoland“ aus Nürnberg. Beides erfahrene Ausdauersportler mit reichlich Erfahrung. Kurt und ich sind im Langstreckenbereich ungefähr gleich stark als Wanderer bzw. Walker (ca. 50 km beim 6 h Lauf und ca. 17 Stunden für 100 km). Roland ist beruflich Lauftherapeut, läuft dabei allerdings mehr als er wandert, und blickt auf viele Ultraveranstaltungen zurück. Wir wollten das Ganze locker angehen und Roland dann laufen lassen, wenn er laufen wollte.

Mittags traf ich mich mit Kurt in Jena am Bahnhof. Ich aus Hamburg, er aus München. Gemeinsam ging es zu unserer Pension Katschmann.
Sehr herzlich wurden wir dort empfangen, durften unser Gepäck dort lassen und uns später dort umziehen, obwohl wir ja erst die folgende Nacht, von Samstag auf Sonntag, gebucht hatten.

Den Nachmittag verbrachten wir mit Thüringer Bratwurstessen am Markt, Turm besichtigen und Eisessen. Dann machten wir uns in der Pension startklar und marschierten zum Sportplatz der Chemiewerker, wo wir auch Gastroland treffen sollten.
Die Anmeldung erfolgte in einem Zelt, man bekam eine Chipkarte mit Clip und Bändchen im Umschlag überreicht und dazu eine Streckenskizze. Die Strecke war nicht extra ausgeschildert und es gehört bei dieser Tour schon dazu, sich auch etwas zu orientieren. Die meisten Teilnehmer sind aus der Region und kennen die Strecke auch so gut. Auswärtige sollten jedoch möglichst Kontakt zu Mitwanderern suchen, denn gerade in der Nacht sind die gemalten roten Linien an den Bäumen, die die Horizontale kennzeichnen, nicht immer gleich zu sehen. Außerdem gibt es auch gelbe und grüne Markierungenn, die nachts ganz ähnlich sind.
Eigentlich sollte es ein fliegender Start zwischen 18 und 19:00 Uhr werden, aber da eine Schnellstraße mit Absperrung durch die Polizei am Anfang gequert werden sollte kam es zu einem gemeinsamen Start gegen 19:30 Uhr.
In großer Kolonne ging es durch das Penneketal hoch bis auf die Horizontale. Die Horizontale ist eigentlich ein Wanderpfad. Meist recht schmal und auf halber Höhe in teilweise recht steilen Hängen mit Tuff und Kalkstein. Überholen war auf den ersten Kilometern auf der Horizontalen praktisch nicht möglich. Als erfahrene Langstreckenwanderer machte uns das aber nicht nervös. Zum Einen wollten wir uns nicht hetzen, zum Anderen wussten wir, dass wir die Energie ja noch brauchen, und dass es erst ab km 80 richtig interessant wird was die Kräfte angeht…



Die Aussicht über Jena war großartig und die ersten drei Stunden konnten wir auf wunderschönen Wegen noch die Landschaft im Hellen betrachten. Nach 21 km und 3 Stunden erreichten wir den ersten Verpflegungspunkt Wogau. Die Stimmung unter den Wanderkollegen war teilweise recht hektisch. Mancher hockte sich gar nicht erst hin, um kurz Rast zu machen, sondern marschierte gleich weiter, um keine Zeit zu verlieren.




Als „alte Hasen“ nahmen wir uns die Zeit, in Ruhe den Inhalt der Verpflegungsbeutel zu analysieren, und je nach Geschmack uns einzuverleiben. Sie bestanden aus folgenden Zutaten: Ein Brötchen, eine Mettwurst (sic) eine Tafel Schokolade (sic) ein Riegel und ein Apfel bzw. eine Banane. Dazu gab es etwas Teeähnliches. (Auf die Frage was das sei, wurde uns gesagt, so was wie Tee…) und Discountercola sowie Wasser, das auch abgefüllt werden konnte. Das Mitführen von mindestens einer Literflasche wegen der großen Abstände zwischen den Verpflegungsstellen (über 20 km, also in der Regel über 3 Stunden) dringend anzuraten.







Nach kurzer Rast ging es weiter.


Inzwischen war es dunkel geworden und die nächsten Stunden konnte man die schönen Ausblicke mehr erahnen, als wirklich sehen. Der Weg hatte so mache Wurzel zu bieten und es gab dann auch den einen oder anderen Anstieg. Die Horizontale ist zwar in der Regel auch horizontal, solang sie auf halber Höhe an den Hängen entlang führt. Will man jedoch Jena umrunden, muss man einige Male hinab ins Tal (wo auch die ersten drei Verpflegungsposten jeweils waren) und anschließend wieder rauf. Zusammen kommt man so auf deutlich über 2000 Höhenmeter, was diesen 100 km Marsch zu einem nicht ganz so einfachen Hunderter macht. Zum Vergleich: die 100 km von Biel, die als bergige 100 km Laufstrecke angesehen und bekannt sind, haben weniger als 600 Höhenmeter.
Nach 43 km an der Papiermühle der zweite Stopp.







Der Verpflegungsbeutel wie beim ersten Stopp. Also noch eine Mettwurst, die ich auch brav gegessen habe. Die ersten studentischen Mitwanderer legten schon mal die Füße hoch und fragten uns Ältere, was man denn gegen müde, schmerzende Beine tun könnte. Außer „Training“ fiel uns da auch nicht viel ein. An dieser Stelle trafen wir dann auch einen anderen Martin. 22 Jahre, durchtrainiert, Leistungsfußballer und über 1.90 groß. Er hatte eine Wette laufen, dass er die Strecke in 15:30 schaffen könne. Gut, dass es dabei nur um einen Kasten Bier ging. Wir machten ihm klar, dass das knapp würde, denn wir wären jetzt mal so auf Kurs zwischen 17 und 18 Stunden. Na ja meinte er, er geht jetzt mal ne Weile mit uns mit und zieht dann ab. Am Berg erstaunte er uns mit einer tollen Geschwindigkeit die er als „normal“ bezeichnete. Wir diskutierten derweil schon mal, wie lange das gut gehen würde. Erst ein paar Ausbruchversuche, dann begleitete er uns eine Weile. Dann fiel er immer mal wieder etwas zurück, schloss aber bis zum dritten Verpflegungspunkt in Leutra unter der Autobahn wieder auf. Wir trafen dort um 5:25 Uhr ein, nach 10 h 43 Wanderzeit. Ab jetzt gab es keine Beutel mehr sondern liebevolles Büffet mit Allem was das Wandererherz begehrt.


Brote mit Marmelade, Nutella, Käse. Dazu noch Gurkenstücken und sogar extra Salz und Zitronenschnipsel.



Martin wollte nach der Pause dann doch noch nicht mit uns starten. Wir sahen ihn später leider nicht mehr. Zwei Anstiege gab es jetzt noch zu bewältigen.






Ein kurzer und ein längerer Anstieg herauf zur Lobdeburg, wo bei km 88 die letzte Verpflegungsstation eingerichtet war.







So langsam wurden die Beine schwer. Im Laufe der Nacht hatten wir viele der flotten Losmarschierer wieder eingeholt. Hieß es bei der zweiten Raststelle, noch es wären ca. 150 Wanderer vor uns (wir zählten dann mal überschlägig bis unter 100 mit) waren es dann beim dritten Stopp nur noch etwas über 50, davon die Meisten als Läufer unterwegs. Auf dem Weg zur Lobdeburg überholten wir nur noch wenige Mitwanderer. Sogar noch einige mit Treckingstöcken waren dabei, aber auch der eine oder andere Läufer bzw. gehende Läufer. An der Lobdeburg war der letzte Anstieg dann geschafft. Ich nutzte die Gelegenheit, noch einmal die Socken zu wechseln, was ich besser schon bei der dritten Station gemacht hätte, denn durch leichten Regen und nasses Gras waren die Socken etwas nass und begannen zu reiben. Blasen kündigten sich an, waren aber noch nicht durchgekommen. Also: Cremen, Socken wechseln, auf die Zähne beißen. Nach so einer langen Nacht sinkt auch die Ekelschwelle deutlich. Füße pulen und cremen und gleichzeitig dabei sich Essen einverleiben war irgendwie kein Problem.
Langsam witterten wir dann Stallgeruch.








Mit viel gemütlich war nicht mehr. Wir wollten nach Hause und zogen uns gegenseitig. Kurt, der eigentlich die Anstiege langsamer angehen wollte, nahm die Höhenmeter zu Lobdeburg schon fast im Laufschritt, und aus dem zügigen Wandern wurde auf den letzten 20 km, bei denen es ja dann auch etwas weh tut, oft ein „Woggen“ Ein leichter Laufschritt ohne jegliche Flugphase ganz knapp im Schlappschritt über den Boden geführt. Der Muskulatur tat es gut und wir diskutierten noch darüber ob das denn nun eigentlich schon laufen sein. Die Frage verschoben wir für eine Diskussion im Internetforum. Während wir die ganze Nacht ja viel geredet hatten, waren diese letzten Stunden dann eher ruhig. Jeder war mit sich und der Ausnutzung der noch vorhandenen Energiereserven beschäftigt.
Endlich war der Abstieg ins Penneketal in Richtung Jena erreicht. Nach kurzer Diskussion entschieden wir, dass es richtig sei, hier abzusteigen. Eine Ausschilderung gab es auch hier nicht. Es war richtig und so es ging ins Tal. Während wir vorher noch gefühlt unheimlich schnell unterwegs waren, ging es diese letzten Kilometer dann sehr zäh bergab.






Die Beine waren jetzt doch deutlicher denn je zu spüren, auch wenn der Weg ja jetzt nur sanft abfallend und ohne besondere Schwierigkeiten war.
Um halb zwölf erreichten wir dann endlich das Ziel.








Für Kurt und mich wurde es mit 16 h 52 eine neue Bestzeit über die 100 km Distanz, für Roland der langsamste Hunderter seines Lebens. Supernett und professionell wurden wir im Ziel empfangen. Dank Sportidentchiperfassung wurden wir nach dem Einscannen mit Namen, Handschlag, Urkunde und sämtlichen Zwischenzeiten auf einer Art Tankquittungszettel begrüßt. Dann ran an das Büffet, das keine Wünsche mehr offen ließ. Es gab Instantnudelsuppe und Kaffee, verschiedenste belegte Brote und vieles mehr, so viel man essen wollte. Wir guckten noch ein wenig den jetzt eintrudelnden Wanderern zu. Sehr viele waren ja noch nicht da. Ein erster Zwischenausdruck der Einlaufliste sagte uns, dass wir ca. als 30te ins Ziel gekommen waren. Wir beschlossen nach einer Weile, erst mal in die Pension zu gehen um zu duschen und etwas zu ruhen. Roland verabschiedete sich von uns und fuhr zurück nach Nürnberg. Nach einer Mittagsrast sind wir gegen 17 Uhr noch mal zum Sportgelände gegangen, denn dort kamen ja immer noch Leute an, und da wollten wir dabei sein. Mittags hatte es ja etwas geregnet, da war die Wiese beim Ziel noch nass.






Jetzt schien die Sonne, und man konnte herrlich entspannt den müden Helden zuschauen, wie sie ins Ziel kamen. Jeder für sich ein Sieger, und für alle die es geschafft haben eine tolle Leistung. Die Stecke wird ja nicht leichter dadurch, dass man über 20 Stunden dafür unterwegs ist. Allen wurde applaudiert, und es herrschte eine schöne familiäre Stimmung. Die Thüringer haben sich uns als ein sehr gastfreundliches und nettes Völkchen präsentiert, und das Fazit lautet:



Langstreckenwanderer, einmal musst du nach Jena.














Kommentare:

Kathrin hat gesagt…

Super Martin, ich bin begeistert!!! Toll gemacht, herzlichen Glückwunsch zum Hunderter!!!

lizzy hat gesagt…

Ja - da bin ich allerdings ebenfalls begeistert. Am meistn aber von den kulinarischen und landschaftlichen Aussichten dieser offensichtlich tollen Wanderung.

jaja - von deiner Leistung natürlich auch ... aber das wissemer ja, dassde das kannst ;o)

Hauke hat gesagt…

Hallo Martin!

Die Tour klingt sehr interessant! Ich habe vor, wie im September als 3-tägige Wandertour zu laufen. Kannst Du mir Infos darüber geben, ob Zeltplätze bzw. kleine Hütten/Rastplätze am Weg sind, in denen man übernachten könnte?
Schöne Grüße aus Kiel!
Hauke