Dienstag, 1. Mai 2012

Familientreff am Seilersee – Laufen unter Freunden.







Ja, es ist schon eine ganz besondere Art von Familie diese  Ultralaufszene! 

Man kennt sich, hat ein gemeinsames etwas ungewöhnliches Hobby das im Bewältigen von Strecken weit jenseits eines Marathons besteht, man kommt zusammen, und hat viel Spaß. Dabei gibt es viel zu essen und zu trinken wie es sich für ein ordentliches Familienfest gehört, nur das der Verdauungsspaziergang hier etwas länger ausfällt und bis zu 24 Stunden andauern kann…

Aber man kann auch Zelte aufbauen, es gibt Liegestühle, Grillfeuer und wer will kann sich sogar ab und an massieren lassen! Das Ganze kann sogar unter einer Autobahnbrücke stattfinden!

Vor der Start, zuversichtlich bis kritisch

Wo andere zum spazieren gehen in die Einsamkeit der Natur flüchten trifft man sich unter einer Autobahnbrücke die harmonisch quer über einen See, den Seilersee in Iserlohn führt. Es gibt Familienmitglieder die dafür aus Berlin, Nürnberg oder aus Friesland anreisen um unter dieser Autobahnbrücke 24 Stunden gemeinsam um den kleinen See zu rennen. Wer so was macht versteht sich in der Regel auch ganz gut und weiß meist auch was er tut. Für manche, in diesem Fall sogar für viele, waren diese 24 Stunden dann auch „nur“ ein Testlauf für eine noch länger Strecke oder Tour, genauer gesagt „Tortour“ und zwar die Tortour de Ruhr zu Pfingsten. 
  



Gut eine Stunde vor dem Start erreichte ich gemeinsam mit Christian aus Hamburg, den ich an der Bushaltestelle in Iserlohn kennen gelernt hatte das Startgelände. Ruckzuck hatten wir unsere Startunterlagen und konnten uns ein nettes Plätzchen suchen. Jemand meinte noch: Beeil dich, die besten Zeltplätze sind schon weg. Doch ich wollte ja in der Nacht wandern und nicht zelten…Christian, nach eigener Einschätzung ein erfahrener Ultraläufer (was sich später als Gesamtzweiter bestätigte) suchte sich ein Plätzchen auf einer Trainierbank am Sportplatz. 

Christian auf der Trainerbank
Vorteil: Da muss man sich später nicht bücken. Gute Idee. Er hatte auch viele geschmierte Butterbrote mit Käse dabei und ein paar Trinkfläschchen. Bei der Topversorgung am Seilersee konnte man darauf jedoch verzichten. (Ich jedenfalls…)

Jeder lief so ein wenig rum und guckte wer noch so guckt. Immer mal wieder traf  ich Bekannte. Teilweise auch Bekannte die ich bisher nur als „Facebookfreunde“ kannte und die dann als lebende Menschen tatsächlich existierten, was auch schön war. 
Facebookfreundin aus der Gruppe: 100 Liegestütze

Daniela, die extra ein spezielle T-shirt für mich an hatte!


 Gemeinsam mit Vanessa aus Hamburg ging es an den Start der pünktlich um 12 Uhr unter der Autobahnbrücke stattfand. 


Cheffe Bernd Nuss in Blau beim Start.

Herr Kohler macht noch ein paar Bilder und rennt dann wie ein Uhrwerk!

Gut gelaunt bei sonnigem Wetter mit ca. 26 Grad ging es los. Die Meute verteilte sich bald auf der Strecke. Obwohl der Weg teilweise nicht sehr breit war gab es eigentlich nie Konflikte. Das Tempo der Staffelläufer war naturgemäß ein ganz anderes als das der Ultraeinzelläufer.





Ich hatte mir vorgenommen ca. alle drei Stunden eine kleine Pause zu machen. Nach jeder Runde aber etwas zu trinken und ab und zu einen kleinen Snack zu nehmen. Es ging zügig voran und Vanessa und ich legten die ersten Runden (1,788Meter) gemeinsam in ca. 16 Minuten zurück. Im Nachhinein war das wohl bei der ungewohnten Wärme vielleicht etwas zu schnell denn später in der Nacht sah das dann anderes aus. 

Es verging Runde um Runde, so mancher netter Plausch wurde gehalten und man bekam interessante Ausschnitte aus Unterhaltungen mit. 
„Bei mir ging es erst vor ein paar Jahren los, dann hat mir der Virus erfasst. Jetzt waren es dann gleich 15 Dinger im Jahr, Marathons und Ultras und so…“ 

“ Na ja so ganz freiwillig bin ich nicht hier, ich will ja die Quali für die deutschen Meisterschaften …“
„Kommst du eigentlich auch nächste Woche mit an den Balaton (ein Sechstagerennen…)“

Ach, ich lauf heut nur 160 oder denn ich will mich vor der Tortour ja nicht verausgaben (Steffen Kohler, lief wie ein Uhrwerk und war am Ende Sechster)

So ging es in einem fort. Langeweile kam nicht auf und die Verpflegung war hervorragend.

Das war nur ein kleiner Vorgeschmack...


Nach 6 Stunden machte ich mit meiner Facebookfreudin Ulrike aus der „100 Liegestütze Gruppe“ nur mal so aus Spaß noch 32 Liegestütze auf der Strecke. Eine nette Abwechselung“



Nach km 60 wurden die Rundenzeiten etwas länger. Meist brauchte ich so 18 Minuten. Bei km 80 – 90 waren es dann schon 19-22 Minuten für eine Runde. Es wurde zäh… Keine echten Schmerzen oder Probleme aber einfach Müdigkeit. 


Auch Vanessa war schon mal schneller..


Das ging dann bis zu den 100km weiter so relativ langsam. Nach 18h und 10 Minuten waren die 100km endlich erst mal geschafft. Eine kleine Pause. 



Die Erholung von ca. 15 Minuten ermöglichte zwei zügigere Runden um die 18 Minuten. Aber dann ging das richtige Schwächeln los! 




 22, 29, 23, 27 Minuten für die Runden.

Ich  war 22 Stunden und 12 Minuten auf den Beinen. 

Die Zuschauer gucken recht mitleidig wenn ich vorbei kam. Es war 10:12 am Morgen noch knapp zwei Stunden bis zum Schluss. 118km waren geschafft. 

Dann kam die Wende. Ich kramte aus meinen Eigenvorräten einen Powerriegel hervor. Wie ich später feststellte war das Mindesthaltbarkeitsdatum dieses „Muskelriegels“ mit viel Protein und Energie seit zwei Jahren abgelaufen. Ich kaute den Riegel ganz langsam und mit Genuss. Er schmeckte gut.


Und dann  war der Schalter umgelegt. Vanessa konnte es kaum glauben. Sie meinte: „Man kann sich das auch einbilden“ Aber: Egal warum, es lief wieder! Die Rundenzeiten der letzten zwei Stunden sagen eigentlich alles. 
18:14
16:35
16:40
16:31
16:04
  
14:53 und den Rest noch bis zum Signalton gerannt. 
 Unterwegs machte ich sogar in den letzten Sprintminuten noch Fotos im Runners High.




Dem Hoch folgt das Tief. Erschöpft wie ein Häufchen Elend saß ich an einem Baum gelehnt und wartete auf die Streckenvermesser für die Reststreckenlänge. 

Bernd Nuss kommt persönlich zum Messen

Ich zeige hier nur ein harmloseres Bild davon...

 
Die ganz schlimmen will selbst ich nicht hier zeigen… 

Aber: Es war geschafft“ Aus der Marsch mit langen langsamen und schwächelnden Phasen war eine neue persönliche Bestzeit geworden! 

Das ersten Ziel: Dreifachmarathon also mindestes 126km und ein bisschen geschafft, die Bestzeit von 128 km überschritten. Am Ende waren es 129,854 km, der 26. Platz Gesamt von 108 Ultraläufern, 22er in der Männerwertung und 4. Platz in der M45. Während die Platzierung für mich nicht so wichtig war, so war die Freude über die eigene Bestleistung doch groß und wieder einmal hatte mich eine Lauf etwas gelehrt: Langsam, wirklich langsam anfangen wenn es heiß ist auch wenn man sich noch gut fühlt und gerade wenn man sich noch gut fühlt. So ein Ultrading ist lang und in der Nacht wenn die Temperatur es gut zulässt sollte die volle Leistung abrufbar sein. Es war eine gute Vorbereitung für die Tortour de Ruhr. Die Veranstaltung war super organisiert. Und zum Abschluss tanzten sogar noch schöne junge Frauen für uns!



Vielen Dank an Bernd Nuss und alle sein Mitstreiter in Iserlohn. Ohne viel Ehrenamtliches Engagement wäre so etwas nicht möglich. 
Ein Gruß an alle Sportsfreunde die ich unterwegs bei dieser Veranstaltung getroffen habe. 
Noch mal Entschuldigung an den  Läufer den ich eine halbe Stunden vor Schluss gebeten habe jetzt bitte das eigene Tempo zu machen und mich beim Endspurt konzentriert alleine zu lassen. Wir war da einfach (ausnahmsweise) nicht nach plaudern.

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