Sonntag, 15. Januar 2012

Polarnacht in Berlin, dieses Mal ohne Polartag.



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Die Nachtstrecke (50km)  bei GPSies.com



Die Tagstrecke (50km) bei GPSies.com




Aufzeichnung der GEsamtstrecke durch den Wanderleiter bei GPSies.com

Polarnacht ist Polarnacht, da geht man in der Nacht durch Berlin und ist dann wenn es am kältesten ist am Kältepol von Berlin dem Eiskeller. Dort wird die Temperatur gemessen und ein Tee getrunken. Dann geht es weiter bis zum Frühstück. So weit so gut. Nur der Haken dabei: Das ist dann nur die Nachtstrecke der Polarnacht als 50km. Das Ganze geht aber weiter am Tage bis es wieder dunkel wird und man am Ende 100km gewandert ist. Daraus sollte aber dieses Mal nichts werden. Wie es dazu kam will ich heute erzählen.

Schon öfters hatte ich an dieser Wanderung teilgenommen. Immer in Berlin, immer mit der Temperaturmessung am Eiskeller, aber immer mit schönen neuen Streckenführungen. Es sollte mein dreizigster 100km Marsch werden. Als „Wanderprofi“ eigentlich kein Problem sollte man meinen. Noch nie hatte ich einen 100km Marsch abbrechen müssen nur einmal hörte ich bei einem 24 Stunden Lauf ein paar Stunden vor Schluss, aber nach 100km auf. Dieses Mal sollte es anderes kommen, da ich einen Anfängerfehler gemacht habe. 100km mit Schuhen mit denen man erst zwei Mal etwas mehr als 20 km und insgesamt noch keine 150km gelaufen ist. Auch wenn ich dabei nie ernsthafte Probleme hatte: Das war zu wenig um damit auf einen Hunderter zu gehen. So viel konnte ich durch dieses Tour lernen.





Der Start der Tour war am S-Bahnhof in Buch in Norden von Berlin. Angereist war ich mit Vanessa aus Hamburg ganz bequem mit dem Zug. Im Bahnhof wurde ich gleich erkannt: „Wir kennen dich aus dem Internet!“ Aha… nun gut, so ging es mit zwei „Radiergummis“ zum Italiener um die halbe Stunde bis zum Start bei einem leckeren Getränk zu verbringen. In meinem Fall was diese eine sehr schön künstliche, süße ungesunde Berliner Weiße in grün. So was gibt es halt in Berlin, so etwas muss dann auch mal sein. Kurz vor 20 Uhr hatte sich dann ein illustres Wandervolk am Bahnhof eingefunden. Dieses Mal ca. 20 Personen, recht viel für eine solche Tour. Viele bekannte Gesichter aus der Hunderterwanderszene waren wieder dabei. Die beiden Dänen Flemming und Torben, der Tiefsachsenwanderer Oliver, die Evi und die Frau „Tellertaxe“ und einige mehr. Es war ein nettes wiedersehen. Die Streckenpläne wurden ausgeteilt, der Haftungsausschluss erklärt und es ging los. Die Nachtstrecke führte von Ost nach West im Norden von Berlin von Buch über Mühlenbeck, Bergfelde, Glienecke (Mc Doof!) über Frohnau, den Eiskeller zum Bahnhof Falkensee (50km). Die Tagestour, zu der man auch noch einsteigen konnte dann von West nach Ost etwas südlicher über Spandau (meinem Ausstiegsort) Gänsewerder, Oraniendamm, Blankenfelde, Karower Teiche zurück nach Buch.




An der Mühlenberger Kirche gab es eine erste kurze Trinkpause und dann ging es weiter durch die Nacht zum ersten kulinarischen Höhepunkt der Wanderung dem MC Donalds in Glienicke. Etwas anderes hatte wohl nicht auf und um diese Zeit kann man auch mal Fast Food essen. Das läuft sich dann ja auch schnell wieder runter. Gut das ich noch Gutscheine für diese Gastronomiekette dabei hatte. So konnten wir dann noch den einen oder anderen Burger zum Sonderpreis bekommen.





Bis hierhin hatte ich auch noch keine ernsthaften Beschwerden und war guter Laune. Nur die kleinen Zehen drückten etwas in den Waldvierter Tramper Schuhen und ich verspürte ein leichtes Ziehen in den Kniekehlen. Aber nichts wirklich Bedenkliches. Auch auf dem Weg zum Eiskeller (km 42) war noch Alles im grünen Bereich. Keine ersthaften Beschwerden, nur dieses leichte Ziehen in den Kniekehlen wurde nicht weniger. Eine Stelle mit der ich noch nie Probleme gehabt hatte.


 Am Eiskeller gab es wie immer heiße Getränke an kaltem Ort und der liebe Bernd versorgte uns wieder vorbildlich und hatte wegen der großen Teilnehmerzahl sogar Bänke angekarrt. Das Thermometer zeigte 1,5 Grad an. Damit war die offizielle Messung getätigt und beglaubigt und es konnte weiter gehen. Noch war ich es der eine Mitwanderin motivierte trotz Schmerzen durchzuhalten, später sollte ich der Schmerzensmann werden…


Auf den letzten Kilometern vor dem Ende der Nachtstrecke am Bahnhof Falkensee bei Km 50 nahmen die Schmerzen langsam zu. Auch Tiefsachsenwanderer Oliver hatte Probleme mit den Muskeln und wollte in Falkensee die Tour beenden. Das wollte ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Der Leidensdruck war noch nicht hoch genug. Erst wollte ich sehen wie es nach der Pause dann gehen würde. Es gab ja mit Spandau noch einen guten Punkt an dem notfalls direkt an der Bahnstrecke nach Hamburg der Ausstieg möglich wäre. Es folgte erst einmal eine sehr nette Rast auf engstem Raum Ausgelegt für ca. 10 Leute drängten sich nun ca. 20 Wandersleute in das kleine Bistro am Bahnhof von Falkensee.






 Ich möchte an dieser Stelle noch einmal ausdrücklich den tollen Service, den guten Café und die supernette Bedienung loben. Wer jemals in Falkensee auf einen Zug warten sollte: Hier ist ein Ort wo man freundlich und nette bedient wird! Ich nahm ein Brötchen und zwei Schokocroissants zu mir, dazu leckeren Café. Gundula versuchte mir mit einer improvisierten Massage etwas Linderung in den Kniekehlen zu verschaffen. Es sollte leider nicht viel nützen. Die Muskulatur am Ende der Waden, wo die Muskeln in die Sehnen übergehen war einfach verhärtet. Dennoch wollte ich versuchen weiter zu laufen. Die ersten Schritte nach der Rast waren fürchterlich. Es ging jetzt sehr, sehr schleppend und unrund los und ich konnte mir machen dummen Spruch meiner Mitwanderer anhören. „Na, ob das wohl noch was wird?“ „Wir laufen einfach nur hinter dir her Martin, dann haben wir immer was zu lachen…“ und so weiter.




Aber ich wollte es schließlich nicht anders. Allerdings viel es mir jetzt durch die Schmerzen und das etwas verschärfte Tempo durch neue frische Mitwanderer die Gruppengeschwindigkeit mitzuhalten. Jede kleine Unterbrechung für Toilettengänge oder um ein Kleidungsstück abzulegen, wurde zu einem richtigen Problem. Ich konnte schlichtweg einfach nicht schneller. Jeder Schritt tat einfach nur weh. Ca. 15 Km waren es bis zu den Spandau Arkaden und dieser Weg sollte keine leichter sein, wie es so schön in einem Lied heißt. Gundula und Torben unterstützten mich so gut es ging und insbesondere Torben versuchte mich mit dänischem Humor bei dem es viel um Stuhlgänge, Blasen und Schuhe ging aufzuheitern. Aber es nützte alles nichts. Zu den Schmerzen kam jetzt eine Kurzatmigkeit dabei. Ich braucht einfach viel mehr Luft um irgendwie den Körper besser mit Sauerstoff zu versorgen. Das hörte sich sicherlich nicht wirklich gut an. Dazu kam dann noch, dass der Magen jetzt auch anfing zu meckern. Immer mal wieder wollte oben oder unten jetzt Luft raus. Die Signale Körper an Kopf waren eindeutig: Das was du hier gerade tust ist nicht gut. Lass, es, es wird auch nicht besser wenn du dich weiter quälst. Wäre es jetzt ein Wettkampf gewesen und ich alleine unterwegs gewesen hätte ich mich wohl trotzdem noch weiter durchgeschlagen und hätte dann in einem deutlich langsameren Tempo noch weiter gemacht. Auch bei km 80 oder 90 wäre ein Abbruch keine Option gewesen. Aber es waren noch immer 35 km nach Spandau zu wandern und ich hätte schlichtweg den Gruppenschnitt einfach nicht halten können. Daher war meine Entscheidung ganz klar und eindeutig. Wenn das nicht geht musst du hier aufhören.



Es war dann auch nicht schlimm oder traurig sich einfach in den Einkaufspassagen Spandau Arkaden sich hinzusetzen und sich die Urkunde über 65km ausstellen zu lassen. Es tat einfach nur gut zu sitzen (der Schmerz ließ in diesen Momenten ja schlagartig nach) und es war mir klar, dass es einfach Lehre war. Jeder 100km Marsch ist eben einfach anders. Immer kann etwas passieren und immer lernt man etwas hinzu. Und alles ist ja freiwillig. Nicht aus Zwang oder Not quält man sich bei so einer Tour sondern einfach um selbst Grenzen auszuloten und seinen Körper besser kennenzulernen. Was für ein Luxus! Wenn man an die vielen Menschen denkt die ganz und gar nicht freiwillig auf dieser Welt Qualen erleiden, Hunger haben oder sich durch harte Arbeit ihre Gesundheit ruinieren weiß man erst wieder die Gefühle von Schmerz und Anstrengung einzuordnen. Alles im super abgesichertern Modus, wohlgenährt, super ausgerüstet mit der Option jederzeit die Anstrengung beenden zu können. In diesem Sinne sind solche Erfahrungen auch immer ein Anlass für mich nachzudenken über diese Welt in der es Vielen eben nicht so gut geht wie uns hier in Deutschland. Also ich nach meiner Rückkehr vom Sofa aus in der gut geheizten Stube im Fernsehen einen Bericht über den Schwefelabbau in Indonesien gesehen habe wurde mir dies noch einmal so richtig bewusst.
Erst mal ging es aber mit dem ICE, der zufälligerweise ein paar Minuten nach meiner Ankunft in Spandau nach Hamburg fuhr wieder nach Hause. Ich konnte ein schönes Bad nehmen und nach einer kleinen Stärkung mich ins Bett verziehen. Auf der Rückfahrt hatte ich eine Schmerztablette genommen, was die Fahrt etwas angenehmer gemacht hatte. Während der Wanderung habe ich ganz bewusst darauf verzichtet. Lieber wollte ich den Marsch abbrechen als mich durch das übertünchen von Schmerzen, die ich mir ja aus freien Stücken und ohne Zwang zugeführt hatte, den Körper auszutricksen. Jetzt einen Tag später konnte ich schon wieder, wenn auch etwas langsamer und unrunder als sonst, zum Bäcker Brötchen holen gehen. Der Schmerz verlässt den Körper auch wieder, aber die Erfahrung der Tour kommt für Kopf und Körper hinzu und das ist doch auch etwas.

Wer wissen will wie sich wirklich harte Arbeit und Quälerei anfühlen die KEIN Spaß sind. Nimm dir eine halbe Stunde Zeit und guck dir dieses Video über den Schwefelabbau in Indonesien an
Ein Tag gesundheitschädigenste Schwerarbeit, weniger als 2 Euro kriegt man dafür und gebraucht wird der Schwefel um Zucker zu bleichen...


Alles Fotos die ich von der Tour gemacht habe bei Picasaweb.
Wer sich nicht auf den Bildern im Netz sehen will von den Teilnehmern bitte kurz bei mir melden!

Hier noch ein weiterer schöner Bericht von Uta über die Nachtstrecke
Und noch ein weiterer Bericht von Radiergummi Katrin

und hier ein guter Kommentar von Heidrun, über das Thema Langstreckenwanderung und Randbedingungen einer solchen Wanderung:

2012-01-15_Polarnacht

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