Donnerstag, 1. Dezember 2011

Deutschland umsonst - reloaded. Eine Buchbesprechung

vom rororo Verlag habe ich vorab das neue Buch von Harald Braun bekommen und durfte es schon lesen. Ab heute darf auch darüber berichtet werden. Hier also mein Bericht:


Harald Braun
Deutschland umsonst reloaded.

Lässt sich eine Reise, ein Buch aus den achtziger Jahren „reloaden“? Ist wandern ohne Geld aber mit sozialem Netzwerk und digitaler Vernetzung überhaupt vergleichbar mit der „Originalversion der Deutschlandwanderung von Michael Holzach? Dieses waren wohl die ersten Fragen die mir, und mit mir sicherlich manch anderem Leser durch den Kopf ging als ich vom Vorhaben Harald Brauns im Internet las. Ich verfolgte mit einer zunehmenden Schaar von „Followern“ seinen Weg. Scheinbar recht komfortabel spazierter er durch die Deutschen Lande. Wandern über längere Strecken war allein schon eine neue Erfahrung und die Sache mit dem Handy und den Netzwerken lief wohl so gut, dass er praktisch kaum wie Holzach nasse, kalte Nächte hatte sondern recht wohlgenährt durch die Gegend zog. Dabei machte es sich ein wenig auch zu Gespött seiner Internetfreunde die auch gern mal etwas leiden sehen wollten. Ihm wiederrum war nach der Hälfte der Tour im Ruhrgebiet auch nicht mehr ganz wohl bei der Sache. Einerseits lief es ja gut, zu gut fast. Die Leute, ja die waren interessant, aber irgendwie wurde jetzt alles zur Routine. Von den Begegnungen mit den Menschen berichtete er in seinem Blog. Interessante Beiträge, es lohnte sich immer mal wieder reinzuschauen und seinen Weg zu verfolgen.
Dann recht plötzlich das Ende der Tour. Je größer die Fangemeinde wurde, je sicherere alle noch absehbaren Übernachtungen waren umso mehr war irgendwann die Luft raus. Irgendwann war dann Sendeschluss im Internet. Nun gut, es sollte ja später ein Buch geben.

Jetzt liegt dieses Buch vor. Man konnte viel schon im Netz im Blog lesen. Würde sich das Lesen überhaupt lohnen fragte ich mich. Wie wird er seine Geschichte verpacken? Worum würde es gehen in diesem Buch? Wäre es mehr oder weniger eine Abschrift des Internetblogs und eine Aneinanderreihung von Zitaten der „Userbeiträge“? Ich war sehr gespannt.

Um es vorwegzunehmen: Es lohnt sich dieses Buch zu lesen. Es ist ein Buch über die Menschen. Ein Buch über den Menschen Harald Braun der sich auf die Spuren begeben von Michael Holzach, und der viel über sich das was mit ihm so passiert während dieser Reise. Vor Allem aber ist es ein Buch über die Menschen unterwegs. Es ist eine Hommage, irgendwie auch ein Dankeschön an alle diese tollen Menschen den temporär mittellosen Journalisten aufgenommen haben und in deren Leben er jeweils einen kleinen, aber oft intensiven Einblick bekommen hat. Er schreibt über diese Menschen die aus unterschiedlichsten Schichten und Zusammenhängen kommen und die das Projekt: „ Deutschland umsonst reloaded“ alle vereint. Das liest sich interessant und unterhaltsam. Der Leser vollzieht die Reise anhand dieser Stationen und Nächte mit. Er kann einen Eindruck davon zu bekommen wie es sich für einen Wohlstands- und Genussmenschen ergeht der sich für eine Auszeit nur auf seine Füße und auf die Freundlichkeit der Menschen am Wegesrand und im virtuellen Raum verlässt. Gewisse Parallelen finden sich zu Harpe Kerkelings „in bin dann mal weg“ Aktion. Auch hier kann sich der Leser sicherlich gut identifizieren, da hier nicht ein Extremsportler wie Jo Kelly sich ohne Nahrung und Geld auf den Weg durch Deutschland macht, sondern einer der gern gut isst, am liebsten schon jeden Tag duschen möchte und der einfach so ganz ohne Training sich auf den Weg macht. So wird für den Leser nachvollziehbar was jeder Obdachlose oder jeder Wandergeselle (wie ich es selbst einige Zeit einmal war) aus Erfahrung erlebt hat. Wie man lernt Menschen einzuschätzen. Wie man es schafft sich einen Schlafplatz zu erschnorren. Wie es ist abfällig angeschaut zu werden weil man nass und verdreckt und heimatlos ist. Was Braun dabei natürlich auch immer beschäftigt ist die Frage: Darf man das überhaupt? Ist das ethisch in Ordnung freiwillig als Obdachloser mit Rückfallversicherung (der EC Karte tief unten im Rucksack und permanentem sozialem Netzwerk) durch die Lande zu tippeln. Besonders deutlich wird dieser Zwiespalt für Braun in Frankfurt wo er bewusst einmal eine Nacht im Bahnhof durchlebt. Hier merkt er, dass echtes Obdachlossein noch eine ganz andere Nummer ist. Das ist nicht das was er möchte. Ganz und gar nicht. Er sieht in einen Abgrund, in eine dunkele Seite der Gesellschaft von der er weiß dass er dort nie, nie landen möchte. Er erahnt durch die lange Tour, die vielen Leute wie es ist heimatlos wandernd zu sein. Immer neue Eindrücke, aber kein fester Punkt (allerdings auch hier in light, und „reloaded“ das ja immer das I-Phone als Kommunikation und Netzwerk noch da ist.

Dennoch: Es war viel. Es war so viel, dass Harald Braun einige Zeit brauchte seine Erlebnisse zu verarbeiten und dieses Buch zu schreiben. Das war allerdings von Anfang an geplant und musste geschrieben werden. Und zwar so, dass es zum Weihnachtsgeschäft dann auch erscheinen konnte. Das hat er geschafft. Und schreiben kann Harald Braun. Das hat er gelernt und das merkt man beim Lesen dieses Buches. Es ist gelungen eben nicht nur das Internetblog mehr oder weniger abzuschreiben sondern ist ein gut zu lesendes Buch das auch ohne Bilder sich sehr gut liest. Einzig eine Landkarte wäre noch eine gute Idee für eine Neuauflage, denn die Route wird zwar auf drei Seiten tageweise aufgelistet, aber wer kennt schon Heisterbacherrorott oder Quadrath-Ichendorf?

Ansonsten aber lautet mein Tipp für dieses Buch: zwar reloaded, aber: strong by!

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