Sonntag, 18. April 2010

Humpeln für einen guten Zweck in Oberhausen.

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Bildgalerie von Siegfried

Im September 2009 war der erste Kultur-run in Oberhausen. Nach acht 100km Märschen in 2009 der Saisonabschuß: 24 Stunden und 128 km waren es damals. Und: es hatte mir sehr gut gefallen. Also wollte ich da natürlich wieder hin. Sieben Monate liegen zwischen diesen beiden Kulturruns. Nur: Im Winter habe zwar angefangen etwas zu laufen aber nicht mehr wandern oder walken trainiert. Eine Tatsache die mir nicht besonders bedeutsam erschien bei diesem 24 Stunden Lauf, der doch im letzten Jahr so nett und gar nicht so übermäßig anstrendend gewesen war. So locker sollte es allerdings dieses Mal nicht werden.

Am Anfang war es wie "nach Hause kommen". Viele Gesichter und Menschen die schon bekannt waren und herzliche nette Begrüßungen, eine gute Stimmung am  Freitag Abend. Über 40 Ultraverrückte am Start, viel mehr als beim letzten Mal. Ein nettes Volk, die meisten wollten am nächsten Wochenende einen ernsthafteren Ultra laufen und machten hier "nur" ein paar Marathönchen zur Einstimmung. Mein Plan war immer drei Stunden bzw. 10 Runden also ca. 20km zu marschieren und dann ein etwas längeres Päuschen zu machen. Bis um Mitternacht klappte das auch recht gut. Im ersten Schwung war ich wohl, wie ich jetzt im nachhinein feststelle, mit ca. 7 km/h unterwegs, denn die Füße habe ich mir wohl um 23:50 gewaschen, wie mir meine Bilderauswertung jetzt zeigt. Und die Ohren sollten auch nicht vergessen werden.

Dann ging es weiter in die Nacht. Auf der Strecke wurde es ruhiger, nur noch die Ultras unterwegs, und auch von denen legte sich mach einer auch ein paar Stündchen auf`s Ohr. Es wurde immer kälter ich zog nacheinander eine weiteres Hemd, ein weiteres T-shirt, eine Weste zusätzlich zur Fleecejacke, und eine Fleece-mütze an. Die Temperatur ging wohl runter bis nahe Null Grad, die Nacht war klar. Das kleine Radio das ich mithatte unterhielt mich etwas. Georg hatte sich ein Marathönchen ohne große Vorbereitung vorgenommen. Er war erst sehr zügig unterwegs, um am Ende dann deutlich langsamer zu werden. Später sollte es mir ja ähnlich ergehen.  Das THW machte wieder Licht. Wieder etwas zu viel des Guten, da der Superstrahler doch ganz schön blendete. Aber offiziell war es wohl eine Übung und das wurde alles eingesetzt was man hatte. Bewundernswert wie die Jungs neben dem Lauten Generator saßen in der kalten Nacht und eingentlich nur abwarteten ob der Strom mal ausfällt. Und das immer mit mindestens 4 Männern.

Dann kam der Morgen und das Licht konnte abgebaut werden, die Sonne übernahm den Job und zwar recht intensiv an diesem Samstag. Am Ende des Tages hätte ich mir etwas weniger Sonne gewünscht...

Pünktlicher als im letzten Jahr wurde gegen 8 Uhr ein tolles Frühstück angeliefert. Leckere Lachsbrötchen waren dabei, Müsli und Jogurt, alles wunderbar, wie überhaupt die Verpflegung wieder mal ganz klasse war. Neben typischer Sportlernahrung wie Riegel, und Obst und verschiedenste Getränke gab es bei Bedarf auch deftiges vom Schlachter. Leckere Steakbrötchen, Pommes rot weiß und ähnliches.

Um 9 Uhr zur Halbzeit der 24 Stunden lag ich ungefähr bei der KM Leistung des Vorjahres. Wenn ich so weiter machen würde wären 120 bis 130km gut zu schaffen rechnete ich mir aus. Richtige Probleme gabe es nicht, als ich drei Stunden nach dem Frühstück so gegen 11 Uhr eine weiteres Päuschen einlegte und die Idee hatte mich massieren zu lassen. Im Nachhinein ein böser Fehler. Nicht das die Massage nicht gut gewesen war, nur leider war sie ZU gut. Ca. eine halbe Stunde wurden meine Waden massiert, obwohl der nette Masseur meinte, da wäre ja kaum was verhärtet und in der Tat fühlte sich alles recht angenehm an. Das kannte ich auch ganz anders. Nun prima, dann könnte ich ja jetzt schön weiterwandern dachte ich. Doch Pustekuchen. Wieder in den Schuhen streikte plötzlich der linke Fuß. Der hatte sich jetzt wohl etwas zu sehr entspannt und war reichlich angeschwollen. Die Einlagen wollten alles wieder in die richtige Position drücken was sich das so schön entspannt hatte und das tat weh. Erst nach 1-2 km war alles wieder halbwegs eingelaufen aber rund war das nicht mehr. Nun gut, dann eben jetzt mit Schmerzen weiter wandern, dachte ich mir und drehte meine Runden. Es müssen ja keine neuen Rekorde fallen, den Anspruch hatte ich ja nicht. Also einfach weiter machen und ab und an ein Päuschen. Die nächste Rast dann um 14 Uhr mit zwei Steakbrötchen und mit einem halben Liter alkoholfreiem Weizen und einer Fahrt auf der Bimmelbahn, die aber nicht als Wanderrunde gezählt wurde.


Auf diesem Pausenbild bin ich noch recht fröhlich zu sehen, die nächsten vier Stunden waren dann einfach nur noch anstrengend und schmerzend. Ich verabschiedetet mich von dem Gedanken die ganzen 24 Stunden durchzumarschieren und wanderterte jetzt mit meiner 10 jährigen Freundin Leonie zusammen die ich im letzten Jahr kennen gelernt hatte. Bis zur 100 km Marke waren es zu dem Zeitpunkt noch 20km, also zehn Runden. Das müsste doch zu schaffen sein. Leider wurde der wehrte sich der Fuß immer mehr und ich wurde immer langesamer und das humpeln wurde immer stärker. Hausfrauen und Greise überholten mich so langsam und ich sehnte ich nach einem Rollator aus dem nahegelegenem Seniorenheim. Einer der älteren Herrschaften meinte: "Junge, Junge, datt gipt aba Muskelkata Morgen" Mitleidige und verständnislose Blicke. Vier Runden (8 km) vor Schluss suchte ich mir einen Stock als Gehhilfe. Auch von den anderen Ultraläufern war so mancher zum Ultrawanderer geworden, aber ich denke ich war der lahmste zu diesem Zeitpunkt. Nun hatte ich für mich als Parole ausgegebe: Und wenn ich auf Knien ins Ziel krieche, die 100km werden voll gemacht. Sogar das verlockende "Rent a Runner" Angebot für einen Euro pro Runde die letzen zwei Runden laufen zu lassen, schlug ich aus. Mache begannen sich ernsthaft Sorgen zu machen, aber die Ultras kennen das ja und wissen das mach auch Mal etwas leiden können muss. Ich wusste auch das es ja nichts Gesundheitsgefährdendes war und das am nächsten oder übernächsten Tag es schon wieder besser gehen würde. Also hieß es jetzt einfach mal "mentale Härte" zu trainieren. Das klappte auch. Langsam, ganz langsam ging es auf die letzte Runde zu. Der Stock wurde wieder an den Rand der Strecke geschmissen. Vor der letzten Runde bestellte ich mir schon mal einen Eimer Eiswasser. Dann schnappte ich mir das "100km geschafft" Schild und mit Hilfe der Endorphiene stürtze ich mich mit Kampfesgebrüll in die letzte Runde. So ungefähr müssen dich schottische Highländer beim Angriff gefühlt haben, nur die Dudelsackmusik fehlte. Jedem den ich begegnete streckte ich stolz mein 100km Schild entgegen. Überall wurde gratuliert und applaudiert von denen die noch auf der Strecke waren. Publikum gab es zu dem Zeitpunkt kaum noch. Erleichtert dann im Ziel das Eiswasser, Bilder machen, Schuhe ausziehen. Was zu essen und zu trinken holen und einfach nur sitzen.
Georg und Eddi holten den müden Krieger eine Stunde später dann ab. Den Rucksack musste ich mir leider tragen lassen und die Treppe zur Wohnung war für mich wie der "Hillary Step" am Mount Everest. In der Badewanne wäre ich fast schon eingeschlafen und die folgende Nacht schlief ich dann sehr, sehr fest und konnte am Sonntag dann schon wieder langsam, aber fast schon wieder normal mit Spaziergengehen. Allerdings mit ausgedehnten Eis und Cafepausen bevor es wieder in den Zug nach Hamburg ging.

Und was ist die Moral von der Geschichte? Es gibt gleich mehrere:
  • Training ist nicht unbedingt ein Fehler
  • Massagen können sehr hilfreich sein, oder auch nicht
  • Es ist nicht ganz blöde auch mal durchgelatschte Einlagen und Schuhe einmal zu ersetzen
  • Wenn der Kopf stimmt geht vieles was sonst nicht gehen würde

Kommentare:

Max hat gesagt…

Martin, das ist ein guter und eindrucksvoller Bericht!

Manch' ein Interessent für Ultra-Walks sollte diesen Bericht lesen, damit ihm klar wird, was es bedeutet, so lange unterwegs zu sein.

Mir sind viele in dieser Beziehung viel zu leichtsinnig.

Daher hoffe ich, dass dein Bericht viele Leser findet.

Herzliche Grüsse
freerunner (Max)

freerunner hat gesagt…

Martin, das ist ein guter und eindrucksvoller Bericht!

Manch' ein Interessent für Ultra-Walks sollte diesen Bericht lesen, damit ihm klar wird, was es bedeutet, so lange unterwegs zu sein.

Mir sind viele in dieser Beziehung viel zu leichtsinnig.

Daher hoffe ich, dass dein Bericht viele Leser findet.

Herzliche Grüsse
freerunner (Max)