Montag, 18. August 2008

24 Stunden durch eine dänische Kleinstadt

Am Wochenende habe ich an meinem ersten 24 Stunden Marsch teilgenommen. Auf einer 4 km Runde ging es immer durch einen kleinen Ort in der dänischen Provinz. "Skrydstrup" liegt ca 50km nördlich der deutsch/dänischen Grenze.

Hier schon mal die Bilder

Hier ein paar kleine Videoclips

Hier die Ergebnisliste


24 Stunden durch eine dänische Kleinstadt.

Skyrdstrup, wo ist das denn wohl? Die Ausschreibung die ich zu diesem 24 Stunden Marsch gefunden hatte war auf Dänisch verfasst. Erkennbar war das es ein 24 timer sein sollte. Also wohl etwas was 24 Stunden dauert. Sinngemäß war auch das Motto zu verstehen: Wie lang willst du gehen, wie lang kannst du gehen war die selbst abgeleitete Übersetzung.

Beim 100km Marsch Smoerum Classic bei Kopenhagen hatte man mir dann von diesem Marsch erzählt. Das es eine 4 km Runde sei durch einen kleinen Ort nur 50km nördlich von Flensburg. Nun eigentlich also von Hamburg aus nicht sehr weit und mit den Zug erreichbar (Station Vojens zumindest) Die Startgebühr sehr moderat (ca. 25 Euro all inklusive exept Beer….) Ins Trainingsprogramm passte es auch ganz gut denn im September war der 160km Marsch von Nijmegen nach Rotterdam angedacht.

Also habe ich mich kurz vor Anmeldeschluss bei Organisator Alan angemeldet. Damit war ich dann der einzige ausländische Teilnehmer der diesen Marsch dann zu einem internationalen Ereignis machen sollte.

Am Freitagnachmittag nach der Arbeit ging es also los mit dem Zug nach Vojens. Dort wurde ich netterweise schon mit dem Auto und anderen Anreisenden aus dem nächsten Zug aus Kopenhagen abgeholt. Toller Service gleich zu Beginn. Wie ich das in Dänemark ja schon kenne war das Basislager in einer kleinen Grundschule untergebracht. Geschlafen wurde in den Klassenräumen, es gab gute sanitäre Anlagen, sogar mit einer Dusche, WC und Bidet (wohl für die Lehrerschaft gedacht)

Also Schlafsack und Matte ausgebreitet. Alles aus dem Rucksack etwas verstreut und verteilt und zu den Anderen gehockt. Dort saß dann schon die geballte Erfahrung der dänischen Weitwanderszene. Mit meinem erst zehnten 100km Marsch war ich das absolute Küken. Fast alle hatten deutlich mehr als 100 Hunderter auf dem Kerbholz. Besonders hervorzuheben an 100er Erfahrung war dabei Hardy Mattson, 58 Jahre, und ca. 590 Hunderter auf seiner persönlichen Bilanz. Er macht immer noch ca. 20 davon pro Jahr. Die meisten waren am vorhergehenden Wochenende auch bei er Dodentocht in Belgien um dort 100km Wandern und Biertrinken auf das angenehmste zu kombinieren.
Wandererbild

Alles trinken fröhlich ein paar Becher dänisches Bier in hellbrauner Färbung aus großen Plastikbechern ohne viel Schaum. Auch das kannte ich ja schon vom letzten dänischen Marsch bei Kopenhagen. Aber schon nach 2 Bechern zog ich es vor meinen Schlafklassenraum zu besuchen und mich abzulegen. Ruhe und Schlaf sind schließlich wichtig bei solchen Ereignissen.

Bei nur zwei weitern Schläfern in der Klasse klappte es mit dem Schlafen auch recht gut und der Start sollt ja auch erst um 8 Uhr sein. Morgens gab es dann auch erst mal ein schönes dänisches Frühstück mit Rundstücken usw.

Vom Start bis zum Frühstück
Alan hielt eine kleine Ansprache bei der er die Wegemarkierungen erklärte. Mir hatte er das auf Deutsch vorher schon erläutert. Es gab also eine Tagesstrecke und eine Nachstrecke. Beide ca. 4 km lang. Die Tagesstrecke führte in um und durch den Ort inklusive Wiesen und Waldstücken. Die Nachstrecke war dann nur noch auf Asphalt und auf beleuchteten Strecken. Fröhlich zügig ging es los. An den Nachbarn vorbei die heute die Terrasse fliesen wollten, durch die Wohngebiete, über einen Fahrradweg, über die Hauptstraße, an der Kirche lang, am Mitlitärflughafen entlang, ein Stück durch den Wald, entlang der Hauptstraße und dann wieder zu Schule.
Klick Klick
Nach 35 Minuten waren fast alle ein Mal rund. Das bedeutet alle waren recht zügig mit ca. 7km / h unterwegs. An der Schule gab es eine Kontrolle. Dort wurden die Startnummer und die Zeit in einen Laptop eingegeben. Kurzes Winken und es ging auf die nächste Runde. Runde um Runde wanderte es sich dann so locker zügig in eine durch. Die meisten machten nach Runde 4 (16km) die erste Pause. Ich wollte ja die Nijmegen Rotterdam Tour vorbereiten und mich mal auf Pausen alle 20km einstellen. Also Pause erst nach 5 Runden.

Vom Frühstück bis zum Mittag.
Genau 11 Uhr war die fünfte Runde dann um und ich gönnte mir 10 Minuten Pause mit Cafe und leckeren Brötchen und dann ging es auch gleich weiter. Immer schön gleichmäßig. Mittagsessen sollte es von 12Uhr bis 14 Uhr geben. Also doch nicht alle 5 Runden Pause sonder Rast nach Runde 9. Ich war die Runden 6 bist 9 in Gegenrichtung gelaufen, was recht lustig war. So kriegte man alle mal mit und grüßte immer freundlich durch die Gegend. Mit der Zeit kriegte man mit wer so was im Ort wann macht. Alle halbe Stunde kam man ja mal wieder vorbei. 13;40 dann für eine knappe halbe Stunde schöne Schnittchen gegessen und mich in der Schule gestärkt. Alles fühlt sich noch sehr gut an. Das Wetter ist bestens. Sonnig und zwischendurch Wolken, nicht zu heiß, einfach gut.

Klick, zur Kirche

Der Nachmittag
Der Nachmittag verlief dann weiter wie der Vormittag. Immer die gleiche Runde. Jetzt wieder in der Richtung wie die anderen auch. Menschen machen Mittag, sitzen auf einer Wiese, mähen Rasen. Was man halt so macht in einer Kleinstadt am Samstag. Alles wissen Bescheid was wir hier machen. Jeder grüßt freundlich. Kein Jubel, anfeuern, klatschen wie in den Niederlanden bei den vierdaagsen. Wohl aber wohlwollendes Verständnis für uns Verrückte. Wir beißen ja nicht, wir wandern nur so durch einen Ort in den sonst niemand einfach so fahren würde außer auf einer Durchreise.

Abend
Nach 16 Runden um 18.52 Uhr sind 64km marschiert. Es geht immer noch gut. Es ist Zeit für eine schöne fette warme Mahlzeit. Es gibt Lasagne und Salat. Dazu Bier oder Wein. Wer will auch etwas ohne Alkohol und für umsonst. Trotzdem ziehen die Meisten Bier oder Wein vor. Auch ich beschließe dass ein Bierchen jetzt mal nicht schaden kann, was auch so war.
Klick zum Abendrot

Die Nacht.
Irgendwann merke ich dass ich schon eine Weile unterwegs bin. Unter den Ballen juckt es etwas, an der Hacke auch. Ich probiere etwas rum. Mal Füße waschen und cremen. Mal pudern. Mal neue Socken. Am Ende komme ich darauf dass die MBT Schuhe am angenehmsten zu tragen sind. Also dann halt jetzt mal MBT Sandalen. Die sind zwar schwer und die Anstrengung für die Muskeln ist größer damit. Dafür rollen Sie schön angenehm und sind luftig. Ab 20 Uhr geht es dann auf die Nachtstrecke. Die Strecke wird umgeschildert. Es gibt etwas Abwechselung. Neu Häuser, sehr interessant. Alles noch ein wenig angucken bevor es ganz dunkel wird. Plötzlich ist auch der Vollmond der eben noch voll war fast weg. Ich wusste nichts von dieser Mondfinsternis. Umso interessanter war es dies bei sternenklarem Himmel einmal ausgiebig zu erleben. In den Häusern gingen die Lichter an. Die Straßenlaternen ebenfalls. Ab jetzt versuchte man in jedes Fenster zu gucken. Wer macht was? Wer guckt Fernsehen, wer spielt am PC? Wo ist eine Gartenparty. Runde für Runde konnte man rätseln wer wohl gleich als nächstes in Bett geht, ob das Licht denn wohl gar nicht mehr ausgemacht wird usw. Als Zeichen ihrer Solidarität und des stillen Mitgefühls stellten einige Bewohner Windlichter, Lampions oder Beerdigungskerzen an die Straße. Eine wirklich sehr nette Geste. Besonders nett bei einem Haus als plötzlich auch eine volle entkorkte Flasche Rotwein und Plastikbecher neben der Kerze standen. Also die Flasche leer war standen dann nach Mitternacht dort noch ein paar Dosen Bier und dann auch noch Schnaps! Kleine Freuden am Wegesrand. Mit der Zeit wurde es immer kälter. Bei jeder Runde zog ich mir eine weitere Schicht an bis ich gut eingemummelt war. Langsam sah man immer weniger Leute. Sowohl auf der Strecke als auch neben der Strecke. Ein Licht nach dem Anderen ging aus und viele Wanderer hatten nicht vor die 24 Stunden durchzumarschieren. Die Meisten hatten sich die 100 km vorgenommen die meistens so zwischen 2 und 3 Uhr Nacht ja rum waren. Meine 100km hatte ich genau im 2 Uhr rum.


Der Frühe Morgen.
Jetzt wurde es interessant. Mehr als 101km beim Hollenmarsch hatte ich bei einer Wanderung bisher noch nicht offiziell gewandert. Es tat etwas weh aber nicht so sehr wie bei einem „normalen Hunderter“ Der Kopf wusste ja das da noch was kommt. Die Einstellung war mal wieder entscheidend. Was man wirklich möchte, das geht auch beim Wandern. Die Runden wurden nun gefühlt allerdings immer länger. 30 Runden also 120km sollten es schon mindestens werden. Für Nijmegen Rotterdam wären aber 32 oder 33 Runden, also ca. 130km schon besser. Immer wieder diese kleinen Rechenspiele was am Ende wohl dabei rauskäme. Jeder Runde jetzt schon etwas Quälerei. Immer der Gedanke: Das ist jetzt 28, noch zwei und du hast die 30 Runden. Immer wieder positiv denken. Ist doch gar nicht so schlimm, ist doch ganz normal, hey so weit bist du noch nie gelaufen usw. Dennoch: Nach jeder Runde fand der Körper dann etwas ganz wichtiges warum man jetzt mal kurz anhalten muss. Mal aufs Klo, was anders anziehen, was essen, trinken, mal sitzen…. So zogen sich die Runden immer länger. Der Schritt wurde immer langsamer. Dafür stellten sich leichte Schlangenlinien ein als wenn ich mehr als ein Bier getrunken hätte. Gegenstände werden zu Menschen die sich aber dann doch nicht bewegen. Zwischen 6 Uhr morgens und 7 Uhr ist es am schlimmsten. Ich merke so geht es nicht weiter. Gut das es endlich langsam heller wird. Ich gehe ein letztes Mal in den Klassenraum. Mische mir als Doping noch mal ein Sportgetränk mit Wasser und Ultrabuffer zusammen. Trinke ordentlich davon. Dann lege ich mich kurz auf den Rücken und die Beine hoch damit mal Blut aus den Beinen kommt. Nicht zu lange das ich wieder müder werde. Dann noch ein Cafe mit viel Zucker. Andere Schuhe und Kompressionsstrümpfe an. Und dann los auf die letzten beiden Runden.

Klick zum ganz müden Martin

Der Morgen
Es wirkt. Die Pause, das Getränk und das Absehbare Ende in gut einer Stunde wirken. Plötzlich geht es wieder schneller. Ich starte durch in die Runde 31. Nur kurzer Stopp und weiter auf die letzte Runde die ich gerade so bis um 8 Uhr schaffen könnte. Genau pünktlich um 8 Uhr komme ich dann auch an. Ich werde mit Applaus empfangen. Das tut richtig gut. Es gibt Frühstück, eine Urkunde und einen Stempel. Dann schnell in die Klasse ein wenig schlafen. Allerdings nicht lang denn um 11 Uhr geht der Zug und schon nach ca. eine halben Stunde werde ich geweckt. Nicht wirklich angenehm das restliche Packen. Die Luftmatratze einpacken wenn alles weh tut und man noch sehr, sehr müde ist kommt nicht wirklich gut…
Dann einsames warte auf das Auto das mich zum Zug bringt. Jemand fragt mich ob ich krank sei. Wie er da wohl drauf kommt? Die Zugfahrt war dann auch nicht wirklich angenehm. Der Zug wurde relativ voll und überall tat es etwas weh. Dann wieder der Dammtorbahnhof. Kein Aufzug auf der Westseite des Bahnhofs. Also wieder die Treppen runter. Aua, aua aua. Eine Frau fragt mich ob sie mir helfen kann. Es ist so weit: Zum ersten Mal bin ich es der sich von einer Frau die Tasche tragen lässt ( auf dem Rücken habe ich noch einen schweren Rucksack) Sie fragt noch ob ich den Fuß kaputt hätte. Ich murmele was von "alles etwas kaputt" und "aber freiwillig und nach 128km sei das wohl so". Ob sie das verstanden hat weiß ich nicht. Auch im Treppenhaus zu Hause ist meine Frau erstaunt das ich so lange für die zwei Stockwerke brauche und das Sie runter kommen soll um tragen zu helfen. Deutlich gealtert kehre ich heim und freue mich darüber am nächsten Tag (meinem Geburtstag) frei genommen zu haben und entspannen zu dürfen.

Kommentare:

Phönix hat gesagt…

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! :)

Phönix hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.
Jörg hat gesagt…

Cool und klang gar nicht langweilig. Außerdem bist du Zweiter gewordenoder zählt das bei Walkern nicht?

Grüße

Jörg

Heiko hat gesagt…

Moin,
na das klingt ja gut. Vielleicht ja etwas was ich auch mal machen sollte. Jetzt wo ich doch auch schon mal 100km gewandert (geschlichen) bin.
Wann ist Nijmegen Rotterdam?
gruss
wowbagger

Heiko hat gesagt…

Moin,
na das klingt ja gut. Vielleicht ja etwas was ich auch mal machen sollte. Jetzt wo ich doch auch schon mal 100km gewandert (geschlichen) bin.
Wann ist Nijmegen Rotterdam?
gruss
wowbagger

Georg hat gesagt…

Tolle Leistung! Da bist du ja endlich auch mal an den Punkt gekommen, wo das alles gar nicht mehr nur Spaß macht - ist aber auch kein Wunder, wenn man bereits etliche Kilometer in den Beinen hat und dann noch eine ganze Nacht lang wandern muss.

Dass du am letzten Wochenende Nijmegen-Rotterdam für dieses Jahr auf die Abschussliste gesetzt hast, ist äußerst nachvollziehbar. Fragt sich bloß, ob du es dir vielleicht mit ein paar Tagen Abstand nicht doch noch anders überlegst... ;-)

Gruß
Georg

trailfüchsin hat gesagt…

Ich habe zwei ähnliche Runden zum HUndespaziergang, so 3 bis 4 km. Wenn ich mir vorstell, dass ich 20x die eine gehen würde, die restliche Zeit die andere, nee, ich hätt nen Rundenkoller! Wie Du es geschafft hast, von Deinem Lager wieder hoch, ich wäre liegen geblieben! Hast Du klasse geschafft! Dicken Respekt!
"Wenn Du meinst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein U_D_O- Fünkchen daher!" ;-)

Gruß Monika