Dienstag, 15. Januar 2008

Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da

Polarnacht 2008 in Berlin

Hamburg Dammtor – dieses Wort hat mich wohl aufgeweckt am späten Samstag Abend. Ich schrecke hoch, stöhne, nehme meinen kleinen Rucksack, Mütze auf und ….aua tut das weh…humpele aus dem Zug. Wie benommen, verdammter Bahnhof ohne Aufzug…Na ja wenigstens zur S-Bahn ist ja dann die Rolltreppe…..natürlich kaputt. Ich humpele, stöhne, fluche. Die Leute gucken etwas irritiert…was ist mit dem wohl los?

Nun ich war auf der Heimreise von einem Kurztrip nach Berlin, und sah eine Stunde später, als ich dann endlich gegen Mitternacht ins Bett kam, so aus:



Schuld daran war ein ganz entspannter schöner 100 km Marsch, und, nein, ich habe keinen Moment daran gezweifelt ob es Spaß macht oder ob ich so etwas vielleicht nicht noch einmal machen würde.

Das Ganze begann am Freitagabend. Morgens noch zur Arbeit und etwas früher Schluss gemacht, um von Hamburg mit der Bahn nach Potsdam zu kommen. Um halb fünf war ich da. Nach der Erfahrung bei der Dodentocht in Belgien (12 Stunden Zuganreise wegen diverser Verspätungen und dann direkt an den Start zum 100 km Marsch) wollte ich ganz geruhsam ankommen. Also erst mal Stadtbummel, Nudeln essen, Cappucino trinken und langsam zum Bahnhof schlendern. Dort traf ich als Erstes auf Alexander, den Organisator des Extramiledurathons. (Eine Veranstaltung, bei der man so lange geht, bis nur noch einer steht… und der dann noch eine Meile weiter als die anderen geht.) Gemeinsam warteten wir vor der Schalterhalle auf die anderen Mitstreiter. Nach und nach trudelte ein illusteres Wandervolk ein. Die Meisten kannten sich bereits, und viele sind schon jenseits der 60 Jahre, manche auch jenseits der 70. Ich kannte nur den „Laufschuhputzer“ und seine Schwester „Tellertaxe“, die ich im Forum von Laufen-aktuell.de für die Veranstaltung geworben hatte. Außerdem noch Flemming, den Dänen, den ich von meinen beiden Hollenmärschen kannte.




Kurz nach acht (20 Uhr) ging es mit kräftigem Schritt hinaus in die Dunkelheit. Die ersten Stunden oft am Wasser, mit schönen Ausblicken auf den Wannsee, und dann durch den Grunewald. Nach 17 km war die erste Rast in der Raststätte Grunewald angesagt. Ein sehr freundlicher aber etwas langsamer Kellner brachte Getränke, unsere Knabbereien packten wir ungeniert auf die Tische.

Immer weiter durch die Dunkelheit ging es dann bis zu nächsten Rast bei km 32 in den Spandau Arcaden. Dort hat um halb drei noch ein amerikanisches Schnellrestaurant geöffnet, in dem sich nun jugendliche Partygänger mit zünftigen Ultrawanderern trafen. Gegenseitig wähnte man sich wie im Zoo, nur wusste man nicht wo das Gitter war und wer davor oder dahinter wäre… Hängen geblieben ist der Ausspruch eines Teenagers: „ nein, es ist nicht immer alles gleich im Leben. Letzte Woche hatte ich das Big-Mac-Menü und dieses Mal Chicken….“


Ich entschied mich für einen Royal TS Burger, wenn man schon mal bei Mc.D ist…Dazu noch den preisgünstigen kleinen Cappuccino für einen Euro.

Dann ging es weiter in Richtung Eiskeller, einem Kältepol Berlins. Tatsächlich war der Boden hier auch stellenweise vereist. Angekommen erwartete uns ein Picknick mit alkfreiem Punsch, Tee und Crackern, die nach Fisch schmeckten. Einen nette Überraschung so um 5 Uhr früh.


Zwischendurch war ich auch mal ein wenig müde und musste gähnen, aber das ging bald vorbei. Auf dem weiteren Weg nach Falkensee wurde es heller und die Lebensgeister kamen geballt wieder. Bei km 50 war das traditionelle Bäckerfrühstück angesagt. Dort gab es zwar wenig Sitzplätze, aber schon frische Brötchen und Kaffee.
Die Jungendgruppe der unter-vierzigjährigen, bestehend aus Laufschuhputzer, seinem Arbeitskollegen und Tellertaxe seilte sich hier ab. Sie hatte das erste Mal so etwas gemacht und sich auf den letzten Kilometern dann doch etwas anstrengen müssen. Zur Belohnung gab es eine schöne Urkunde von Wanderleiter Wolfgang Pagel und ein Lämpchen für die nächste nächtliche Tour. Die Ausscheidenden wurden durch einige neue Tageswanderer ersetzt, so dass wir wieder mit 17 Leuten starten konnten. Die 50 km Tagesetappe wollte schließlich noch erwandert sein.

Wir gingen durch den Morgen in nicht wirklich spektakulärer Landschaft bis nach Zeestow, meinem rastmäßigen Höhepunkt: Das Campingstübchen. Hier gab es zum Frühstück gegen 10 Uhr nach 60 gewanderten Kilometern solide Kost. „Wir haben Bockwurst oder Frikadelle“. Na, da nehme ich doch eine schöne Bockwurst am Morgen…

und dazu? Kaffee? Nee das passt ja eigentlich nicht, aber Bier? Nun, die alten Hasen werden es ja wissen. Wolfram, 72 Jahre alt, gerade bei seinem 222 Hunderter, meint: So ein Bier am Vormittag macht nichts aus. Da ist man nicht mehr müde, wie in der Nacht, und durch das Laufen nachher verteilt sich der Alkohol auch wieder. Aber mehr als eins sollte es dann auch nicht sein…Nun, er muss es wissen, will ja die 300 Hunderter noch voll machen und scheint recht fit und guter Dinge zu sein. So trinke ich also zum Frühstück ein großes Weizen.

Das schmeckt ganz wunderbar und ein kleines Teufelchen flüstert leise ins Ohr: Ach jetzt noch so ein Weizen und einfach weiter so hier im Warmen sitzen wäre doch auch schön. Das habe ich dann aber schnell überhört und bald trennten wir uns auch von diesem gastlichen Ort.

Zunächst kamen wieder ein paar weniger aufregende Strecken, dann in Elstal eine städtebaulich-architektonisch interessante Bahnarbeitersiedlung aus den zwanziger Jahren.

Dann wurde es landschaftlich richtig nett. Es ging auf dem 66-Seen-Weg am Havelkanal entlang. Nach 70 km am Kanal angekommen, gab es die einzige ungeplante kurze Rast. Auch die Profis zeigten jetzt erste Ermüdungserscheinungen. Jeder kramte in seinem Rucksack nach kleinen Energiespendern oder nach seiner Trinkflasche, um etwas Kraft zu schöpfen.


Etwas verstohlen schaute ich dann doch mal ab und an auf die Wanderkarte und den Marschplan mit km- und Zeitangaben. Oh, doch noch so weit. Bei 70 km geht es ja in der Regel so los mit den kleinen Zipperlein, mit Müdigkeit usw. Aber da heißt es Ziele setzen. Das nächste Ziel war Marquardt. Genauer gesagt, der dortige Dorfkrug, wo wir so gegen 15 Uhr aufschlugen. Kesselgulasch und Topfwurst sollten eigentlich schnell gehen. Es dauerte dann aber doch. Wanderleiter Pagel wurde etwas nervös, vereinzelte Wanderfreunde auch, denn wir hinkten dem Zeitplan etwas hinterher, und manche mussten dann doch pünktlich zum Zug, um irgendwo ins tiefste Sachsen zurück zu kommen.

Meine anvisierte Rückfahrt konnte ich jetzt auch schon vergessen. Fahre ich eben erst 20:20 ab Potsdam ab. Mittels Hightechhandy konnte sogar vor Ort noch nach der besten Zugverbindung gesurft werden!

Die letzten 30 km sind dann wie immer reine Kopfsache. Dieses Mal hatte mich die positive Einstellung von Wolfram besonders angespornt. Sein Rat unterwegs: „Och, nur noch 20 km, dann ist dieser schöne Hunderter schon wieder vorbei...“ und: bei km 85 kommen sowieso die Glückshormone, denn da hört ja keiner mehr auf, eigentlich hat man es dann ja schon geschafft.


So gingen wir dann, etwas stiller geworden, in den zweiten Abend hinein. Wir näherten uns Potsdam, und Wolfgang, der Wanderleiter, entschied, dass wir nicht auf kleinen verschlungenen Wegen nach Potsdam laufen sollten sondern etwas direkter. Allerdings mussten wir dann etwas improvisieren. Mal an einer großen Straße lang, mal als Alternative durch finstere matschige Grünanlagen. Einige Kilometer vor dem Ziel die ersten Straßenbahnen. Nein, die sehen wir gar nicht, neinn das ist gar keine Option, du kleines Teufelchen im Ohr halt endlich die Klappe….

Kurz vor 19 Uhr, nach knapp 23 Stunden, waren wir dann wieder dort, wo wir losgelaufen waren. Potsdam Hauptbahnhof. Jeder bekam noch eine Urkunde, dann blieben die, die noch nicht gleich in Bahnen einsteigen konnten oder wollten, noch etwas in der lokalen Bahnhofskneipenszene bei einem Bierchen hocken.

Meine drei provisorischen Teilkronen, die ich seit einigen Tagen im Mund hatte, mochten das kalte Bier eigentlich gar nicht gern. Ob so ein 100-km-Marsch eigentlich richtig gut ist, habe ich am Dienstag vorher meinen Zahnarzt lieber nicht gefragt. Wer viel fragt kriegt ja immer auch viele Antworten.

Als ich kurz nach 21 Uhr im ICE saß, der fast noch vor meiner Nase ohne mich losgefahren wäre, fiel ich erwartungsgemäß schnell in einen komatösen Schlaf, aus dem ich erst in Hamburg-Dammtor hochschreckte.

Kommentare:

Georg hat gesagt…

Hallo Martin,

na wenn das mal kein furioser Start in die Walk- und Wandersaison 2008 war...

Allerherzlichsten Glückwunsch zum ersten und wohl nicht letzten 100er des Jahres. Super Leistung, kurzweiliger Bericht und stimmungsvolle Fotos - mehr davon!

Bis bald
Georg

trampler hat gesagt…

Hallo Martin,
das war ja keine Wanderung, das war ja eine Fresstour ;-))

Hat sicher viel Spaß gemacht, wie sich ja leicht aus dem Bericht heraus lesen lassen kann. Schöne Fotos auch! Ich wünsche dir viele schöne, lange Touren heuer!
Bei mir wird's ja so schnell noch nichts werden ...

Gruß Kurt

Anonym hat gesagt…

Ahoi Martin,

100km das ist schon ein super Ding. Was kommt als nächstes??? Kauf dir vorsichtshalber eine Speichererweitung für deinen Kilometerzähler o:)....
Glückwunsch für diese Meisterleistung .
Liebe Grüße
Heike Johannes

Anonym hat gesagt…

Hallo Heike,
das nächste Ziel sind die 100 Meilen.

Gruß Martin

Kathrin hat gesagt…

Ich sollte mir eine Teilnahme wegen des Weizenbiers ernsthaft überlegen... - Nee, 100 km sind mir (auch gewandert, oder erst recht) eine Nummer zu groß! Glückwunsch zum phantastischen Saisonstart Martin! Schöner Bericht und wie Georg schrieb: stimmungsvolle Fotos! Danke!

Martin Palatini hat gesagt…

Also ich muss mich den Glückwünschen anschließen. Bin zwar noch ein Jungspund, aber Ultraläufe bzw. -Wanderungen reizen mich jetzt schon.

Gruß Martin